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Aerodynamik für Drachen
Drachen sind schwerer als Luft und können dennoch fliegen. Dabei wirken drei Kräfte: Auftriebskraft, Schwerkraft und Zugkraft. Die Auftriebskraft läßt den Drachen nach oben steigen und wirkt der Schwerkraft entgegen. Außerdem muß die Kraft des Windes den Luftwiderstand bei der Vorwärtsbewegung des Drachens überwinden. Die Leistungsfähigkeit eines Drachens wird durch das Verhältnis von Auftrieb zu Zug beschrieben. Ist dieses Verhältnis niedrig, so fliegt der Drachen schräg am Himmel. Bei einem hohen Auftrieb-Zug-Verhältnis steigt der Drachen sehr steil empor. Deltadrachen haben normalerweise ein hohes Auftrieb-Zug Verhältnis. Daher ist es nicht ungewöhnlich, daß Deltadrachen in einem 90°-Winkel senkrecht über dem Boden fliegen. Wie die Abb. 1 zeigt, konvergieren Auftriebskraft (A), Schwerkraft (B) und Zugkraft (C) im Druckzentrum (D). Der Anstellwinkel (E) des Drachens entspricht dem Winkel zwischen seiner Bespannung und dem anströmenden Wind. Dieser wird über den Zugpunkt reguliert, der mit dem Druckzentrum auf einer Linie liegen sollte.
Der exakte Zugpunkt eines Drachens ist der Waagepunkt. Die Flugleine sorgt für einen beständigen Druck auf das Segel, woraus wiederum der Auftrieb resultiert (siehe Abb. 2). Das Druckzentrum verlagert sich nach vorn, wenn der Drachen im Flug nach oben steigt. Befindet sich der Drachen hoch oben in einem gleichmäßigen Luftstrom, bewegt er sich weder vorwärts noch rückwärts und scheint von der Wirkung der Schwerkraft unangetastet zu bleiben. Wie läßt sich dies erklären? Einfach ausgedrückt, kann sich der Drachen deshalb in der Luft halten, weil die durch den Wind erzeugte Auftriebskraft größer ist als die nach unten gerichtete Schwerkraft
Im Windkanal
Jeder, der einmal seine Hand aus einem fahrenden Auto hielt, hat die
Grundprinzipien der Aerodynamik unmittelbar erfahren. Der durch das fahrende Auto erzeugte
Luftstrom teilt sich an der Hand und bewegt sich entlang der Handoberfläche. Hält man
die Finger in Fahrtrichtung und die Hand horizontal, kann man eine geringe Auftriebs- und
Zugkraft wahrnehmen. Hebt man die Handfläche vorn leicht an, wird sie vom Fahrtwind nach
oben gedrückt. Bei weiterer Drehung der Hand nach oben wird die Hand stärker nach hinten
gedrückt, und die Auftriebskraft wird kleiner. Obwohl dies ein relativ einfaches Beispiel
ist, die Gesetze der Aerodynamik zu erklären, wirken auf den Drachen am Himmel die
gleichen Kräfte wie auf eine Hand, die man aus einem fahrenden Auto hält.
Ein Experiment
Führen Sie dieses einfache Experiment einmal selbst aus. Halten Sie ein
DIN-A4-Blatt an den Ecken der kürzeren Seite zwischen Ihren Fingern fest und führen Sie
die Kante nahe an Ihre Lippen. Wenn Sie gleichmäßig Luft an der Oberfläche entlang
blasen, entsteht auf der Oberseite ein Vakuum, welches das Papier nach oben
steigen läßt.
Damit haben Sie das Bernoullische Gesetz nachvollzogen. Diese einfache Gesetzmäßigkeit
der Aerodynamik erklärt, warum Flugzeuge fliegen und Segelboote segeln. Der gewölbte
Flügel eines Flugzeugs hat natürlich bessere Eigenschaften als Ihr Blatt Papier oder ein
Drachen. Der Luftstrom muß entlang der gekrümmten Oberseite einen längeren Weg
schneller zurücklegen als auf der Unterseite. Je größer der dadurch entstehende
Unterdruck auf der Oberseite wird, desto stärker wirkt die Auftriebskraft. Analog dazu
wird ein Segelboot in Diagonalrichtung zum Wind über das Wasser gezogen.
Die meisten Drachen fliegen ständig mit einem großen Anstellwinkel und damit im
Vergleich zu einem Flugzeug in ungünstigen aerodynamischen Verhältnissen, die jedoch
für einen Drachen, der seine Position halten soll, erforderlich sind. Eine Ausnahme ist
der Parafoil - Drachen. Die Abb. 3 zeigt ein sogenanntes Airfoil und ein Parafoil. Das
Parafoil entspricht in seiner Form dem gewölbten Flügel eines Flugzeugs. Mit einem
kleinen Anstellwinkel erreicht es nach dem Bernoullischen Gesetz ein großes
Auftrieb-Zug-Verhältnis, d.h. einen beträchtlichen Auftrieb mit minimalem Zug. Die
meisten Drachen werden jedoch stärker nach vorn geschoben als nach oben gezogen - wie
etwa bei dem Experiment mit dem Blatt Papier.
Das Bernoullische Gesetz spielt in der Praxis aber eher eine untergeordnete Rolle,
obwohl es bei einigen Drachentypen,
die für kleine Anstellwinkel ausgelegt sind, Anwendung findet.
Die Auswirkungen warmer Luft
Drachen gewinnen auch durch die Wirkung von Aufwinden und der Thermik an Höhe.
Aufwinde werden durch Luftströme erzeugt, die sich in der Nähe von Bergen und Klippen
nach oben bewegen. Die Thermik entsteht durch aufsteigende warme Luftschichten, die sich
an heißen Tagen über weitem und flachem Gelände bilden. Beispiele dafür sind Wüsten
oder leere Parkplätze mit Teerbelag. Gleiter, Segelflugzeuge, hochfliegende Vögel und
auch Drachen - vor allem Deltadrachen - können sich stundenlang in großen Höhen halten,
indem sie die genannten Effekte ausnutzen
Der Ozean am Himmel
Die uns umgebende Luft läßt sich mit einem Ozean vergleichen, in dem es
Strömungen, Wirbel und Widerstände gibt. Einen Drachen in die Luft emporsteigen zu
lassen, ist nur der erste Schrift. Im Flug sind Drehungen um drei verschiedene Achsen
möglich: das Rollen um die Längsachse, das Nicken um die Querachse und das seitliche
Ausbrechen um die Hochachse. Alle drei Bewegungen müssen ständig reguliert werden, um
den Drachen stabil in der Luft zu halten.
Stand : 26. Dezember 2001